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Steht die Wende im Schweinswalschutz kurz bevor?

Können wir den Ostsee-Schweinswal noch rechtzeitig retten? (C) Jan Haelters
Können wir den Ostsee-Schweinswal noch rechtzeitig retten? (C) Jan Haelters

Jetzt also auch noch Mikroplastik. Eine kürzlich erschienene wissenschaftliche Studie wies zum ersten Mal feinste Plastikpartikel in den Eingeweiden von Schweinswalen der Nord- und Ostsee nach. 28 von 30 Untersuchten Tieren waren betroffen. Als hätten die kleinen Wale vor unserer Haustür nicht schon genug zu kämpfen gegen Umweltgifte, Unterwasserlärm, Nahrungsmangel und den Tod als Beifang in Stellnetzen, letzterer ist Todesursache Nummer eins.

Unsere Kampagne "Stellnetze raus aus Schutzgebieten" läuft derweil – und deswegen! – weiter auf Hochtouren. Die kürzlich über change.org lancierte Petition erreichte in Windeseile mehr als 75.000 Unterzeichner*innen (als nächstes peilen wir 100.000 an). Dass die Schweinswale immer stärker ins Rampenlicht rücken, ist kein Zufall – und ein Erfolg unserer gezielten Arbeit zu diesem Thema über viele Jahre hinweg. Mittlerweile ist richtig Bewegung im Spiel, und es scheint als würde die EU in Kürze entscheiden, dass zumindest aus einigen Schutzgebieten in Europa, davon mehrere in Deutschland, Stellnetze (zeitweise) verbannt werden. Für die Arbeit von WDC und Partner-NGOs wäre dies ein großer Erfolg und ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, denn zum ersten Mal überhaupt wäre ein Stellnetzverbot in der EU ausgesprochen. Nach jahrelangem Stillstand in Sachen Schweinswalschutz hätten wir also greifbare Maßnahmen vor uns, denen sich auch die einflussreiche Fischerei-Lobby beugen müsste. Es käme einer Wende gleich.

Wenn es soweit ist (wir werden berichten), wäre ich in der Tat sehr froh und stolz, denn WDC hat einiges dafür getan:

2019 forderten wir federführend mit zahlreichen anderen europäischen NGOs Notfallmaßnahmen zum Schutz der vom Aussterben bedrohten Schweinswale in der zentralen Ostsee bei der EU-Kommission ein. Daraus resultierten (nach Durchlaufen mehrerer formaler Prozesse) die jetzt auf dem Tisch liegenden Vorschläge zum Ausschluss von Stellnetzen aus einigen Schutzgebieten in Deutschland, Dänemark Polen und Schweden (siehe Infokasten & Karte).

Parallel hierzu erhöhten wir den Druck auf die Politik, indem wir das Gespräch mit Behörden und Entscheidungsträger*innen in den Ministerien (Bundeslandwirtschaftsministerium unter Julia Klöckner sowie Bundesumweltministerium unter Svenja Schulze) suchten und immer wieder betonten, wie wichtig und notwendig diese Maßnahmen sind. Wir organisierten außerdem einen von 115 Wissenschaftler*innen aus aller Welt unterzeichneten Brief an Julia Klöckner, der die Dringlichkeit der Situation zusätzlich verdeutlichte und viel Echo in den Medien fand. Im Rahmen von internationalen Abkommen, beispielsweise der Konvention zum Schutz wandernder Tierarten (CMS), dem Abkommen zum Schutz der Kleinwale in Europa (ASCOBANS) sowie der Internationalen Walfang Kommission (IWC) brachten wir unsere Forderungen vor und belegten deren Notwendigkeit durch Stellungnahmen und Publikationen. Nicht zuletzt sprachen wir vielfach mit der EU-Kommission, allem voran dem engagierten Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius, um die Schließung von Schutzgebieten für Stellnetze voranzutreiben. Jetzt scheint eine solche Schließung greifbar nahe.

Gleichzeitig wären wir aber noch lange nicht am Ziel, denn so wichtig die jetzt im Raum stehenden Maßnahmen sind, sie reichen bei Weitem nicht aus, um den Schweinswal in der zentralen Ostsee langfristig und effektiv zu schützen und sein Aussterben zu verhindern. Beispielsweise sträubt sich Deutschland weiterhin, die Schutzgebiete in seinen Gewässern dauerhaft stellnetzfrei zu machen. Die jetzigen Schließungen betreffen in Deutschland leider nur einige Schutzgebiete und diese auch nur für drei Monate im Jahr (siehe Infokasten & Karte). Auch bedarf es weitergehender Maßnahmen außerhalb der Schutzgebiete, deren Umsetzung vermutlich noch lange Zeit brauchen wird. Ein weiteres Beispiel, wie "ernst" es Deutschland beim Meeresschutz meint, zeigen auch die laschen anderweitigen Maßnahmen, die die Bundesregierung kürzlich für die Ostsee-Schutzgebiete vorgeschlagen hat.

Es bleibt also noch viel zu tun. Ich bin froh, dass wir mittlerweile zumindest einige Fortschritte in Sachen Schweinswalschutz sehen – auch dank Ihrer Unterstützung –  aber bis die kleinen Wale eine sichere Zukunft haben, wird wohl noch einige Zeit vergehen. WDC arbeitet weiter daran.

Meeresschutzgebiete der deutschen Ostsee

Was ist für die Meeresschutzgebiete der Ostsee geplant?

 

Die folgenden Maßnahmen liegen derzeit auf dem Tisch, über die die EU-Kommission in Kürze entscheiden wird:

  • Schließung der Stellnetz-Fischerei von 1. November bis 31. Januar in den deutschen/dänischen Schutzgebieten Rönnebank, Adlergrund und Pommersche Bucht mit Oderbank, sowie einige deutsch-polnische küstennahe Schutzgebiete wie die Greifswalder Boddenlandschwelle
  • Schließung der Stellnetz-Fischerei in den schwedischen Schutzgebieten Hoburgs Bank und Midsea Bank
  • Schließung aller Fischereien (außer Fischfallen, Reusen und Langleinen) im nördlichen Teil des schwedischen Schutzgebietes Midsea Bank
  • Obligatorischer Einsatz von Pingern (Vergrämern) an Stellnetzen in den äußeren Gebieten der Puck-Bucht in Polen

 

Alle genannten Schutzgebiete liegen im Verbreitungsgebiet des von Aussterben bedrohten Schweinswals in der zentralen Ostsee.

Darüber hinaus sind derzeit weitere, langfristige Maßnahmen außerhalb der Schutzgebiete in Arbeit. Deren Umsetzung wird allerdings noch einige Zeit dauern.

Vielen Dank!

Diese WDC-Kampagne wird von der Bees & Trees Stiftung gefördert.

Unterstützen Sie unsere Arbeit!

Wir setzen uns weltweit in verschiedenen Projekten für Wale und Delfine ein.

Über Fabian Ritter

Leiter Meeresschutz - Fabian Ritter ist Biologe und leitet bei WDC den Bereich Meeresschutz.

1 Kommentar

  1. Veröffentlich von robert am 12. August 2021 um 4:10 pm

    was wird gegen die Sandsauger vor der Insel Rügen unternommen, anscheinend werden die Tiere dadurch erstickt? Ist auch sonst für die Natur nicht besonders gesund !!!

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